Das ganze Dorf war schockiert, als einer der Dorfbewohner in das Elternhaus zurückkehrte – mit einer Frau an seiner Seite, deren Aussehen alle sprachlos machte.
Seit einigen Jahren hatte er in der Stadt gearbeitet, und niemand hatte mehr etwas von ihm gehört. Nur hin und wieder erhielten seine Eltern Geld und kurze Briefe von ihrem Sohn.

Eines Tages aber stand er plötzlich wieder vor der Tür – nicht allein, sondern mit seiner neuen Ehefrau.
Die alten Eltern waren überglücklich: Ihr einziger Sohn hatte endlich eine Familie gegründet. Voller Freude wollten sie die Schwiegertochter kennenlernen … bis sie sie sahen.
Die Frau stand neben ihrem Sohn, ihr ganzes Gesicht war mit dicken Verbänden umwickelt, nur die Augen waren zu sehen.
Die Mutter legte entsetzt die Hand auf die Brust.
„Mein Sohn … was ist mit ihr?“
Doch der Sohn antwortete nur sanft:
„Frag nicht, Mama. Bitte nimm sie einfach als meine Frau an.“
Von diesem Tag an herrschte im Haus eine merkwürdige Stille. Die junge Frau verließ kaum das Zimmer, sprach mit niemandem außer ihrem Mann, und auch das nur, wenn sie allein waren.

Die Nachbarn tuschelten, erfanden Geschichten und verbreiteten Gerüchte. Manche sagten, sie sei eine Verbrecherin, andere hielten sie für eine Hexe.
Auch die Eltern fanden keine Ruhe. Fast jeden Abend hörten sie die Frau hinter verschlossener Tür leise weinen, während ihr Sohn sie mit sanften Worten tröstete.
Eines Nachts, von Neugier und Sorge überwältigt, beschlossen die Eltern, einen Blick in das Zimmer der jungen Eheleute zu werfen, das sie jeden Abend nach elf Uhr verschlossen.
Die Schwiegertochter saß vor dem Spiegel und begann vorsichtig, die Verbände von ihrem Gesicht zu lösen.
Und da sahen die Eltern endlich, was sie all die Zeit verborgen hatte.
Im schwachen Licht der Lampe wurde sichtbar: Ihr ganzes Gesicht war von tiefen Brandnarben und Wunden gezeichnet.
Die Mutter stieß einen Schrei aus.
Der Sohn wachte auf, sprang aus dem Bett und begriff sofort, dass die Wahrheit nun ans Licht gekommen war.
„Ja …“, sagte er leise. „Jetzt wisst ihr alles.“

Er erzählte, dass er vor einigen Jahren in der Stadt in einem schrecklichen Brand gewesen war. Ein Wohnheim stand in Flammen – und diese Frau hatte ihn aus dem Feuer gerettet. Sie hatte ihm das Leben gerettet, doch dabei selbst schwere Verbrennungen erlitten.
„Ich konnte sie nicht allein lassen“, sagte er mit fester Stimme. „Ich habe nicht ihr Gesicht geliebt, sondern ihr Herz.“
Da brach seine Mutter in Tränen aus, ging auf die junge Frau zu und umarmte sie zum ersten Mal – vorsichtig, als wolle sie ihr keine Schmerzen bereiten.
Am nächsten Morgen flüsterten die Nachbarn wieder. Doch diesmal – voller Respekt.
